I Am Sober ist eine kostenlose App, mit der du wieder die Kontrolle über dein Leben gewinnen kannst.
Ein entscheidender Unterschied zwischen Gewohnheiten und Süchten ist die Willenskraft. Wenn jemand eine Gewohnheit allein durch Willenskraft überwinden kann, handelt es sich um ein kontrollierbares Verhalten. Willenskraft darf dabei nicht mit einer freien Entscheidung verwechselt werden. Auch ein Mensch mit einer Sucht kann Willenskraft besitzen, doch sein Gehirn wurde durch die Belohnungen des Suchtverhaltens neu verschaltet. Eine Sucht lässt sich nicht allein mit Willenskraft aufgeben.
Um Gewohnheiten und Süchte besser voneinander abzugrenzen, ist es wichtig, beide einzeln zu betrachten.
Eine Gewohnheit ist ein Verhaltensmuster, das durch Wiederholung häufig unbewusst ausgeführt wird.
Die Entwicklung einer Gewohnheit dauert zwischen 18 und 254 Tagen (laut einer Studie aus dem Jahr 2009*) und verläuft meist in einem dreiteiligen Kreislauf:
Auslöser
Verhalten
Belohnung
Der Auslöser ist der Trigger. Das kann ein emotionaler Zustand wie Nervosität oder Langeweile sein. Auch eine Aktivität wie eine Party oder ein Kinobesuch kann als Auslöser dienen.
Das Verhalten ist die eigentliche und schließlich entstehende Gewohnheit. Wenn der Auslöser im vorherigen Beispiel Nervosität ist, könnte das gewohnheitsmäßige Verhalten darin bestehen, an den Fingernägeln zu kauen. Ist der Auslöser dagegen eine Party, könnte das Verhalten darin bestehen, beim Trinken zu rauchen.
Die Belohnung ist dann das positive Gefühl, das durch das Verhalten entsteht.
Zusammen bilden diese Bestandteile die Gewohnheitsschleife. Durch Wiederholung wird die Gewohnheit unbewusst.
Bei vielen Menschen entwickeln sich Verhaltensmuster bereits in der Kindheit. Kinder nehmen sich in der Regel nicht die Zeit, ihre Handlungen selbst zu analysieren oder über deren Folgen nachzudenken. Deshalb wiederholen sie ein Verhalten oder eine Handlung viel eher, ohne bewusst darüber nachzudenken. Das prägt ihre neuronalen Bahnen und führt im Erwachsenenalter zu unbewussten Gewohnheiten.
Es ist jedoch nicht unmöglich, neue gesunde Gewohnheiten zu entwickeln oder alte abzulegen – es ist nur schwieriger. Warum? Dafür gibt es mehrere Gründe. Ein entscheidender ist das sogenannte „Chunking“. Wenn das Gehirn eine neue Aktivität erlebt, bildet es einen neuen Erinnerungszweig. Dieser ist anfangs schwach, wird aber durch wiederholte Nutzung mit der Zeit stärker. Führt die Aktivität zu verwandten, aber anderen Aktivitäten, entstehen weitere neue Zweige, die zunächst schwach sind und mit der Zeit gestärkt werden.
Bei wiederholten Handlungen und Verhaltensweisen speichert das Gehirn Abläufe schließlich an mehreren Stellen und bündelt sie zugleich durch „Chunking“. Dabei werden einzelne Handlungen miteinander verknüpft. Die meisten Menschen müssen beispielsweise nicht bewusst darüber nachdenken, wie sie ihre Zähne putzen. Tatsächlich besteht das Zähneputzen jedoch aus mehreren Aufgaben, etwa den Deckel abzuschrauben, Zahnpasta auf die Bürste zu drücken und die Zähne zu putzen.
Das ist einer der Gründe, warum es besonders schwierig sein kann, eine neue Gewohnheit zu entwickeln. In jüngeren Jahren lassen sich neuronale Bahnen leichter prägen. Im Erwachsenenalter kann es dagegen schwerfallen, einzelne Aufgaben oder Abläufe zu erlernen, weil sie nicht automatisch zu einer Einheit gebündelt werden.
Deshalb entwickeln viele Menschen auch als Erwachsene schlechte Gewohnheiten, die mit neuen, wiederkehrenden Aktivitäten zusammenfallen. Ein neuer Arbeitsplatz kann beispielsweise soziale Kontakte in Form von Raucherpausen oder Gelegenheiten zum Rauchen auf Feiern mit Alkoholkonsum bieten.
Rauchen kann natürlich zu einer Nikotinsucht führen. Damit kommen wir zum nächsten Abschnitt.
Eine Sucht ist eine chronische Erkrankung, die das Belohnungs-, Motivations- und Gedächtnissystem sowie damit verbundene Schaltkreise im Gehirn neu verschaltet und dadurch trotz negativer Folgen zwanghaftes Verhalten hervorruft.
Eine Sucht entsteht durch den Konsum von Substanzen oder durch Verhaltensweisen – etwa Nikotin, Alkohol oder Pornografie –, die das Belohnungssystem des Gehirns und seine zahlreichen Funktionen neu verschalten. Zu diesen Suchtmitteln gehören:
Nikotin
Koffein
Pornografie
Essen
Halluzinogene
Glücksspiel
Beruhigungsmittel
Und viele weitere
Jede Aktivität oder Substanz, die das Belohnungssystem des Gehirns neu verschaltet, kann eine Sucht verursachen. Natürlich können auch genetische Faktoren eine Rolle spielen und manche Menschen anfälliger für eine Substanzsucht machen. Bei Drogen- und Alkoholsucht kann eine Person jedoch süchtig werden, wenn sie von der Substanz abhängig wird.
Drogen und Alkohol können die Konzentration wichtiger chemischer Stoffe im Gehirn verringern oder erhöhen. Dadurch können Stress und Angst gedämpft oder euphorische Hochgefühle und gesteigertes Vergnügen ausgelöst werden. Die Wirkung von Drogen und Alkohol tritt recht unmittelbar ein. Infolgedessen beginnt das Gehirn, nach diesen Substanzen zu verlangen, weil es eine schnelle Belohnungsschleife durchläuft und langfristige Belohnungen vernachlässigt.
Wenn der Körper abhängig wird und die Toleranz gegenüber der Substanz steigt, wird eine größere Menge benötigt, um das Belohnungssystem zufriedenzustellen. Deshalb kann ein Mensch mit einer Sucht sein gesamtes Geld für Drogen statt für Nahrung und Wasser ausgeben. Die Genesung von einer Sucht erfordert häufig mehr als Willenskraft – dazu gehören eine strukturierte Suchtbehandlung, Verbindlichkeit und langfristige Unterstützung.
Zu den Symptomen einer Sucht gehören:
Starkes Verlangen – ein starker Wunsch, die Substanz zu konsumieren, sowie Entzugssymptome bei ausbleibendem Konsum.
Anhaltende negative Folgen – Beeinträchtigungen im Alltag, die Unfähigkeit, eine Arbeitsstelle oder Beziehungen aufrechtzuerhalten oder sich eine Wohnung leisten zu können.
Substanztoleranz – es wird in immer kürzerer Zeit mehr von der Substanz benötigt, um die gewünschte Wirkung zu erzielen.
Kehren wir mit diesem Wissen zur ursprünglichen Frage zurück.
Obwohl sowohl Süchte als auch Gewohnheiten auf fortgesetzter Wiederholung beruhen, entstehen Gewohnheiten meist unbewusst, während Süchte anfangs bewusst entstehen.
Gewohnheiten prägen neue neuronale Bahnen, während Süchte daraus entstehen, dass sich die Menge natürlich vorkommender chemischer Stoffe im Gehirn verändert.
Bei einer Sucht können sich Toleranz und Abhängigkeit entwickeln, bei einer Gewohnheit dagegen nicht.
Um eine Gewohnheit abzulegen, genügt es, sich des Problems bewusst zu sein und die Willenskraft aufzubringen, das Verhalten umzulenken. Um eine Sucht zu überwinden, ist dagegen häufig ein Rehaaufenthalt nötig, gefolgt von lebenslang nutzbaren Hilfsmitteln und einem strukturierten Suchttraining, um Auslöser und starkes Verlangen abzuwehren.
Manche Gewohnheiten können schlecht oder ungesund sein, doch Süchte können dauerhafte Hirnschäden, Traumata und den Tod verursachen. Bis zu einem gewissen Grad kann eine Gewohnheit lediglich eine Begleiterscheinung deiner Persönlichkeit sein, etwa ein Verhalten unter Druck. Eine Sucht kann dagegen wie ein Parasit die Kontrolle über dich übernehmen. Wenn du mit anderen über Gewohnheiten und Süchte nachdenkst oder sprichst, solltest du klar zwischen beiden unterscheiden. Andernfalls kommt es unweigerlich zu Missverständnissen und unpassenden Ratschlägen.
Ein wiederholtes Verhalten, das im Laufe der Zeit durch kurzfristige Belohnungen verstärkt wird, kann allmählich intensiver und schwerer kontrollierbar werden. Wenn das Verhalten beginnt, deinen Alltag zu beeinträchtigen oder schädliche Folgen zu verursachen, kann es die Grenze zum Suchtverhalten überschreiten.
Wer beispielsweise zunächst gelegentlich Alkohol trinkt, um nach der Arbeit zu entspannen, kann daraus eine Routine entwickeln. Wenn sich dieses gewohnheitsmäßige Verhalten jedoch steigert und etwa zu einem täglichen Bedürfnis wird, kann daraus eine Form des Substanzkonsums entstehen, die auf ein frühes Stadium der Sucht hinweist.
Besonders wichtig ist die Selbstwahrnehmung. Wenn du bemerkst, dass es zunehmend schwerfällt, eine Gewohnheit zu beenden, sind das Warnzeichen. Wenn du dein Verhalten beobachtest und dir Unterstützung suchst, kannst du verhindern, dass aus der Gewohnheit eine Sucht wird.
I Am Sober ist eine kostenlose App, mit der du wieder die Kontrolle über dein Leben gewinnen kannst.